100 Stunden
Diese Woche bin ich die gewohnte Anzahl an Artikeln leider wieder einmal schuldig geblieben. Das hat jedoch ausnahmsweise einen triftigen Grund: Ich wurde von Außerirdischen entführt und untenrum befummelt. Ich bin auf Entzug. Auf kaltem Drogenentzug. Voll auf Turkey, wie wir Junkies dazu sagen.
Auch wenn es sich in meinem Fall “nur” um das Loslösen vom Nervengift Nikotin handelt, fühle ich mich beim Niederschreiben dieser Zeilen wie ein kleiner, knallharter Gangster. Wie ein heulender Gangster um genauer zu sein, denn Heulkrämpfe sind durchaus eine Nebenwirkung des Entzugs. Aber lieber in der Kategorie Heulsuse weinerlich der langsamen Vollgesundung der eigenen Bronchien beiwohnen, als in 30 Jahren der Familie erklären zu müssen, warum der Papa künstlich beatmet wird und wieso an Weihnachten künftig mehr von der Gans für die Anderen übrig bleibt.
In den bis jetzt (erst) knapp 100 rauchfreien Stunden habe ich schon erstaunliche Beobachtungen getroffen. So ist es mir als frischem Exraucher neu, dass man den Balkon auch ohne Kippe für mehrere Minuten betreten und wieder verlassen kann, was sich sogar beliebig oft am Tag wiederholen lässt. Einfach so. Auch wird mir langsam klar, dass das langweilige Nichts vor der Balkonbrüstung, das mir bislang nur als Stauraum für den ausgeatmeten Tabakrauch diente, jene ominöse Frischluft ist, die sich problemlos inhalieren und das erste Mal seit 6 Jahren wieder genießen lässt. So wurde das Balkonspiel schnell zu meiner liebsten Ersatzhandlung. Bis zu drei Dutzend abendlicher Freigänge mit Wasserbecher statt Zigarette sind keine Seltenheit in dieser Woche gewesen, was leider eine weitere Entzugserscheinung, nämlich die Schlafstörungen, noch vergrößert hat, da sich die Blase durch den Wasserkonsum immer zu mehreren Extrarunden meldet, sobald ich schlafbereit im Bett verharre.
Müdigkeit und Konzentrationsschwäche wirken sich tagsüber auch potenzierend auf meine neue Art der Kommunikation aus: dem Anschreien. Besonders gern bei Nichtrauchern, die den ultimativen Aufhör-Geheimtipp kennen: MIT BONBONS FÄLLT ES LEICHTER! Natürlich. Hätte man Christiane F. damals empfohlen, sich einfach mit einem Lutscher durch die Armbeuge zu streicheln, wäre ihre Drogenkarriere keine 5 Seiten lang gewesen. Auf Platz 1 der unbeliebtesten Nichtraucher steht seit 4 Tagen Oma. Die, auch bedingt durch altersbedingtes Abflauenden des Memoryeffekts, nicht müde wird, die Geschichte von Opa zu erzählen, wie er plötzlich von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen aufgehört hat. Dabei verschweigt sie natürlich, dass er in dieser Zeit Vater geworden war, nicht mehr in der Wohnung rauchen durfte und nebenbei auch noch eine Grippe auszustehen hatte. Der Umstand, dass ich jedoch in 18 Jahren nicht der Zigaretten, sondern des Kindes wegen krank und alt aussehe, ist kein großer Motivationsfaktor für das Nichtrauchen. Die Kippe verlangt wenigstens keinen Zuschuss zu den Studiengebühren.
9. Dezember 2006 um 23:49
Auch wenn der folgende Spruch nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehört, aber: “Aller Anfang ist schwer!” Ich hoffe doch, du hältst das weiter durch! Viel Erfolg weiterhin!
10. Dezember 2006 um 18:16
Ein interessanter Artikel zur angeblichen Nichtkompetenz des Bundes beim Nichtraucherschutz gibt es hier:
http://www.readers-edition.de/.....lyse/#3243
Demnach beweist das verlinkte Bundestagsgutachten das Gegenteil dessen, was die Politiker der Öffentlichkeit vorspielen.
12. Dezember 2006 um 12:55
nicht aufregen. einfach mal nackt auf den balkon gehen, dann klappts auch mit der grippe. und ich als ex-raucher empfehle ausserdem, mit einem nicht/ex-raucher in ein sehr verrauchtes lokal zu gehen, dort einen kaffee/bier zu trinken und sich stundenlang darueber zu unterhalten, wie scheusslich eigentlich zigaretten schmecken/stinken und dass alle raucher arme schweine sind. dieses dann moeglichst oft wiederholen bis man sich ausreichend gehirngewaschen hat.
2. Januar 2007 um 16:44
das kann ich nur begrüßen! mein vater war seines zeichens 40 jahre lang raucher und hat das fast mit dem leben bezahlt, zuletzt lag er wohl eben wegen des rauchens im krankenhaus (warum nennt man das eigentlich nicht gesundheitshaus, man wird doch gesundgepfl … aber is ja auch egal) und hatte ne schicke op mit 3fachem beipass vor sich. die op hat er zum glück überlebt und zum glück haben die zigaretten bei ihm nicht überlebt! weiter so! und dir auch ein aufmunterndes “weiter so!” es lohnt sich, man vergisst schnell, was man seinem körper da eigentlich zumutet und was man eigentlich seinen liebsten zumutet - wenn man denn dann tatsächlich mal hops gehen sollte. in diesem sinne, immer schön frische luft holen. schmeckt doch auch viel besser, als dieser blaue dunst!
11. April 2008 um 06:44
Sounds perfect to me. I have read this post with a great pleasure. You should write much more often.