Egon Knitterbeck ist ausgestiegen

Egon Knitterbeck sank erschöpft auf sein Kopfkissen zurück. Das Thermometer hatte 39,3 Grad Celsius angezeigt. Grund genug, diesen regnerischen Morgen zu meiden und wieder ins Bett zu gehen. Eine halbe Stunde später maß er noch einmal seine Temperatur, nur um sicher zu sein, dass seine übermäßige Körperwärme nicht lediglich auf einen etwas hitzigen Traum zurückzuführen sei.

39,3 Grad. Egon Knitterbeck befühlte seine Stirn, hustete, schneuzte kräftig in ein Taschentuch, kuschelte sich in seine Schlafdecke ein und überließ mit sofortiger Wirkung seiner Frau Annabell die Pflege seines kranken Körpers. Später am Nachmittag, als sie einen Kräutertee brachte, zog dieser sie an sich heran und verkündete leise, aber bestimmt: “Ich steige aus! Ich bleibe für immer in diesem Bett. Ich bin frei.” Frau Knitterbeck lächelte mild, schob es auf das Fieber, erneuerte die Wadenwickel und dachte nicht weiter über die Aussage ihres Mannes nach.

So schilderte mir eine völlig verzweifelte Annabell Knittebeck bei meiner Ankunft die Ereignisse. Zwei Wochen waren vergangen, doch trotz der erkennbaren Genesung des Herrn Knitterbeck lag dieser immer noch im Bett. Seine Frau rief mich daher an und bat um Hilfe. Im Schlafzimmer grüßte ich höflichst meinen Patienten, hielt eine kurzen Plausch über Wetter, Politik und die Weltwirtschaftslage, führte eine kurze Untersuchung durch und befand beste Gesundheit. Als ich dies verkündete, lachte Herr Knitterbeck herzlich und rief “Aber natürlich bin ich gesund. Kein Zweifel. Ich bin ausgestiegen!” Ich kniff meine Augen zusammen, legte meinen Kopf etwas schief und schaute ihn neugierig an. Er ahnte meine nächsten Fragen und fuhr deshalb ohne zu warten fort. “Wissen Sie, wenn man krank im Bett liegt, erscheinen die sonderbarsten Gedanken im Kopf. Wer würde mich schon vermissen, wer sich lange sorgen? Zuerst ist meine Abwesenheit schlecht, meine Arbeit bleibt lieben, der Stuhl in der Kantine leer, den Freunden fehlt beim Feierabendbier ein Zuproster. Aber dann? Langsam vergisst man mich, neue Menschen nehmen meinen Platz ein, versorgen meine Arbeit, meine Frau und meine Freunde. Ich bleibe liegen. Ich bin ausgestiegen. Ich lasse mich zu der Bemerkung hinreißen, lieber Herr Doktor, dass sie schon meine Akte aus dem Schrank räumen können, um an deren Stelle einen neuen Patienten einordnen zu können.” Hörbar stieß ich meine Atemluft durch den Mund aus, überlegte eine Weile, verabschiedete mich ebenso höflich wie bei meiner Ankunft und trat wieder in den Flur. Seine Frau sah mich an, ich zuckte mit den Schultern, schüttelte meinen Kopf in der Horizontalen und meinte, dass ich einen Erwachsenen nicht dazu zwingen könne, das Bett zu verlassen. Wie immer wenn ich nicht helfen konnte, empfahl ich mehr Gemüse, Sport und frische Luft und fuhr, verärgert über meine eigene Unfähigkeit etwas in dieser Angelegenheit richten zu können, in meine Praxis zurück.

All dies trug sich genauso im Februar des Jahres 1997 zu. Herr Knitterbeck verließ nie wieder sein Bett. Vor drei Tagen wähnte ich ihn bei einem Blick durch ein Kneipenfenster am Tresen, schaute ein zweites Mal hin und konnte die Person nicht mehr entdecken. Es war doch nur eine Täuschung gewesen. Egon Knitterbeck ist ausgestiegen.

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6 Konsultationen zu 'Egon Knitterbeck ist ausgestiegen'

  1. Volker meint:

    Whow, wo nimmst Du nur die Idden her?

  2. mArCo meint:

    Tolle Geschichte, wenn auch sehr melancholisch. Der Herr Knitterbeck muss meiner Meinung nach schon ein sehr tristes Leben geführt haben um auf solche Gedanken zu kommen..
    Solltest du es irgendwann in Erwähnung zieh´n, ne Kurzgeschichtensammlung zu veröffentlichen, bitte ich um ein eigenhändig signiertes Exemplar :)

  3. HG meint:

    Herr Doktor, jetzt war ich ja lange nicht mehr hier. Das Header-Bild war mir neu. Ich finde es geschmacklos und gar nicht so lustig, wie den Rest der Seite. Den Link bei mir zu dir habe ich darum entfernt. Das ist dir wahrscheinlich total egal und soll dir auch egal sein. Aber vielleicht ist mein Kommentar für dich ja ein Anlass mal nachzudenken, ob ein abgesäbeltes Bein wirklich so schön ist, dass man es im Header einer Internetseite zeigen muss.

  4. Steven meint:

    An HG

    Es gibt Dinge, die darf man vielleicht nicht ganz so eng sehen. Denke, daß die Parodie im Kopf dieser Seite durchaus angebracht ist, nicht zuletzt wegen dem Namen des Blogs. ;) Und ich gehe mal davon aus, daß Dr. Engels sich kein Bein in Echt abgesägt hat (wäre sonst schlecht mit dem Jogging usw. usf. :lol: ), von daher wird man sich jetzt keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn man den Blog dennoch drin läßt. Schließlich geht es ja primär um die Inhalte, Bilder kann man bei Flickr gucken.

    Aber wo wir gerade beim Thema waren, die erste (?) Version gefiel mir besser, als die jetzige. Also die, die zwei Themen vor dieser hier war. Klingt kompliziert, ist es auch… Nur mal so nebenbei, wollte das schon immer irgendwo anbringen, fand sich aber kein passendes Thema.

  5. cybeerboy meint:

    Echt gut geschrieben :-)

  6. Dr. Citroen meint:

    Herr Doktor, warum haben Sie ihre Praxistätigkeit aufgegeben? Sie wurden mir von einer Ihrer Patientinnen empfohlen.

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